Public Affairs Experten zur Zukunft des Lobbyings.

5. März 2021
Whitepaper-Zukunft-des-Lobbying

„You lose the battle on Twitter“ – Internationale Public Affairs Experten zum PANTARHEI White Paper – Die Zukunft des Lobbying.

The times they are a-changin… Getreu ewig wahrer Worte von Bob Dylan trifft das in Zeiten von Corona auf fast alle Lebens- und Berufsbereiche zu. Auch und nicht zuletzt auf Public Affairs. Unvergleichbare Zeiten führen zu einzigartigen Herausforderungen und geben „der Politik“ noch mal mehr Gewicht im Schicksal von ganzen Sektoren und Unternehmen.

Zwei Trends haben sich in den letzten 12 Monaten massiv verstärkt: Der politische Wille, unter dem Schlagwort „Green Deal“ den Systemumbau voranzutreiben; sowie aufseiten von Organisationen, sich einer neuen Realität im Versuch, seine Interessen durchzusetzen, zu stellen. „Kampagnenfähig“ – oder: „NGO fit“ – zu sein, entscheidet in der modernen Aufmerksamkeitsökonomie, ob man überhaupt gehört wird, lange bevor es sich entscheidet, ob man auch unterstützt wird.

Wie sieht vor diesem Hintergrund also die „Zukunft des Lobbying“ aus? Diese Frage diskutierten Gilbert Rukschcio, Mansur Philipp Gharabaghi und Darius Pidun von PANTARHEI Advisors mit Top-Experten und Public Affairs Professionals auf europäischer Ebene im Rahmen eines interaktiven, digitalen Workshops: Holger Krahmer (Head of EU Affairs bei Daimler AG), Ralf Pastleitner (Head of TUI Group Corporate Office EU) und Paul Pasquali (Executive Director Group European and Public Affairs), die mit jeweils mehr als 15-jähriger beruflicher Erfahrung im Bereich Politik und Public Affairs fundierte und substanzielle Beobachtungen aus der Praxis eingebracht haben. Und für alle Teilnehmer des Workshops war klar: „Back to normal“ ist bei Public Affairs keine Option, wir sehen fundamentalen Veränderungen entgegen.

Folgende Erkenntnisse sind auf Basis des White Papers von PANTARHEI gemeinsam mit den Experten herausgearbeitet worden:

1. Der starke Staat ist zurück

Nicht nur Corona macht es notwendig, dass „der Staat“ (und im Sinne der Gesetzgebungskompetenz ist „die EU“ hier mit zu verstehen) aktiv und dirigistisch in Märkte eingreift. Hinsichtlich der Bewältigung von Corona ist das kurzfristig augenscheinlich, aber auch langfristig sorgt der politisch induzierte Systemwandel namens „Green Deal“ für Staatsinterventionismus, der über den klassischen ordoliberalen Rahmen hinaus geht. Nachhaltig ist nicht nur Umweltstreben, sondern auch der Umstand, dass die Märkte und deren Bedingungen, in und unter denen Unternehmen tätig sind, maßgeblich und zentral von politischen Vorgaben abhängen. Dabei ist interessanterweise zu beobachten, dass ein Verteilungskampf stattfindet, wer im Umbau der Systeme von der Politik regulatorische und finanzielle Unterstützung erhält (Vgl. Follow the Money).

2. Neues Spiel – neue Regeln im Bereich Public Affairs

Einhellig wurde die Beobachtung geteilt, dass sich die politischen Spielregeln und damit Public Affairs in der letzten Dekade deutlich verändert haben. Wenn bereits vor 10 Jahren (vorausschauende) Politiker Industrievertretern bescheinigten, dass sie „das Argument auf Twitter“ verlieren, trifft dies auf das Heute umso mehr zu. Wo früher noch Zeit zur Verfügung gestellt wurde, ausführlich auf Expertenebene Argumente auszutauschen, kämpft man nun damit, komplexe Sachverhalte noch kürzer und einfacher kommunizieren zu müssen. Dabei gilt es den Spagat zu schaffen, einerseits Aufmerksamkeit zu generieren, aber andererseits nicht zu aktionistisch oder oberflächlich zu werden. Die Fähigkeit, in Kampagnen zu denken, zu arbeiten und am Ende auch politisch zu kommunizieren, wurde dabei als zentraler Baustein der Zukunftsfitness im Bereich Public Affairs unisono herausgestrichen. Das setzt aber auch den Mut und die Bereitschaft voraus, als Unternehmen bzw. dessen Vorstand politische Debatten ein Stück weit in der Öffentlichkeit zu führen. Denn „das Hinterzimmer“ ist schon lange nicht mehr die Bühne von Public Affairs und Lobbying.

Damit einhergehend ändert sich auch das Jobprofil des Public Affairs Professionals, so waren sich alle Diskutanten einig. War bisher persönliche Vernetzungsfähigkeit und Fachwissen (von der Arbeitsweise der EU-Institutionen und dem Sektor, den man vertritt) vonnöten, wird zusätzlich immer mehr ein tiefes Verständnis von digitaler Kommunikation, Kampagnenlogik und so genannten „digital nativity“ gefragt.

3. Neue Allianzen braucht das Lobbying

Teil der „alten Logik“ war bis dato auch das Vertretungsmonopol von Branchenverbänden. Diese bündeln Interessen eines Sektors und fungieren als konsolidierte Anlaufstelle für Fach- und Expertenfragen für politische Entscheidungsträger und Fachbeamte.

Immer mehr treten aber andere Organisationsformen in Erscheinung, manchmal temporär aufgrund kurzfristig auftretender Fragestellungen (wie z.B. Brexit), manchmal aber auch langfristig, weil beispielsweise politische Herausforderungen wie das Konzept Kreislaufwirtschaft ganze Wertschöpfungsketten betreffen oder Sektorkoppelungen aus der Marktrealität heraus dies notwendig machen. Sogenannte Plattformen dienen dabei nicht nur als inhaltliche und organisatorische Schnittstelle, sondern entwickeln auch gegenüber politischen Entscheidungsträgern eine besondere Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit, da vereinzelt auch zum Beispiel NGOs oder andere Akteure der Zivilgesellschaft bei einer solchen Plattform andocken können.

Breit geteilt wurde die Meinung und Erfahrung, dass solche Allianzen in Zukunft noch mehr Relevanz erfahren werden, es aber im Public Affairs und Lobbying das Wissen und „Prozesskompetenz“ benötigt, solche Plattformen effizient und effektiv managen zu können.

Was ist Ihre Meinung dazu? Schreiben Sie uns unter office@pantarhei-advisors.com und wir freuen uns auf weiteren Austausch zum Thema Digital Public Affairs.